Der Biergarten als analoges Paradies in einer digitalisierten Welt
Der Biergarten gilt als Refugium, in dem sich Alltag und Weltgeschehen für eine Weile ausblenden lassen. Viele dieser Lokalitäten sind dabei relativ analog: Reservierungs-Apps oder feste Timeslots, welche in anderen Lebensbereichen weit verbreitet sind, spielen hier meist keine Rolle. Ein gutes Gespräch zwischen der “Halben” und der Stadtwurst mit Musik ist für viele Menschen eine willkommene Alternative zu einem Online-Austausch mit dem oft gesichtslosen Gegenüber.
Historie
Die ersten Biergärten entstanden bereits im 19. Jahrhundert in München, dort legten die Bierbrauer unter den Hängen am Stadtrand Keller an, um ihre Produkte kühl zu lagern. Anders als in den Gasthäusern hatten sie dort jedoch kein Ausschankrecht, sie durften lediglich in einer beschränkten Zeit im Sommer Bier direkt ausgeben. Daraus entstand die Praxis, auf den Bierkellern Bänke und Tische aufzustellen, wo man sich eine kühle Maß einverleiben konnte – oft mit eigener mitgebrachter Brotzeit. Damit die neuen Biergärten den bestehenden Gasthäusern nicht allzu große Konkurrenz machten, war es ihnen bis 1825 verboten, mehr als Bier und Brot in Scheiben zu kredenzen.
In Bayern gibt es seit 1999 eine eigene Biergartenverordnung, welche zwar den Lärmschutz regelt, aber den Begriff “Biergarten” nicht genau definiert. Das ist im Grunde Interpretationssache: Für manche Traditionsbewusste muss ein Biergarten unbedingt in Nähe eines Bierkellers liegen, andere sehen eine separate Schankanalage, ein Selbstbedienungskonzept oder das Recht, mitgebrachte Speisen zu verzehren, als Anzeichen für einen “echten” Biergarten – alles andere wäre nach solchen Betrachtungsweisen eher ein “Wirtsgarten”.
Prinzipiell ist das Geschäft im Freien für viele Gastronomiebetriebe heute von existenzieller Bedeutung – die Erwartung der Gäste, draußen genießen zu können, ist mit der Corona-Pandemie vielerorts noch gestiegen. Der “klassische Biergarten” mit eher rustikal gehaltenen Bänken und Tischen existiert nach wie vor – in anderen Bereichen der Außengastronomie werden bezüglich Komfort und Ambiente jedoch immer höhere Ansprüche gestellt, wie Branchenkenner beobachten. Der Plastikstuhl, welchen man bis in die 1980er noch als omnipräsente Außenbestuhlung kannte, reicht oft nicht mehr aus – edle Lounge-Möbel, stimmige Musik- und Lichtkonzepte und eine umfassende Speiseauswahl machen diese “Biergärten” im Grunde zu Restaurants im Freien.
Obatzter trifft Instagram
Auch in eher “analogen” Biergärten kommt hin und wieder digitale Technik zum Einsatz, wenn z.B. die Servicekraft die Bestellung per Tablet drahtlos in die Küche sendet. Auch das ein oder andere Smartphone wird von Gästen gezückt, um ein Erinnerungsfoto einer geselligen Runde zu schießen. Das alles ist völlig legitim. Wenn aber der Banknachbar den Großteil der Zeit am Display klebt oder gar jede Brotzeit am Tisch in einem eigenen Instagram-Clip in Szene setzt, dann darf man ihn durchaus mal daran erinnern, dass man sich im Biergarten zuprostet… und nicht zu-postet!



























