Start-Anzeige-VermischtesDürfen Stimmen nicht mehr sterben?

Dürfen Stimmen nicht mehr sterben?

Anzeige

Wenn der Mensch geht, aber sein Timbre bleibt

“Das reimt sich ja – und was sich reimt, ist gut!” Wer bei diesen Worten an Pumuckl denkt, hat sie wahrscheinlich sofort im Ohr: Die krächzige Stimme des kleinen Kobolds. Für seine ersten Fernseh-abenteuer, welche 1982 über die Bildschirme flimmerten, sprach der Schauspieler Hans Clarin die Titelfigur. Er musste für jeden Satz seine natürliche Stimme einige Oktaven nach oben schrauben.

Für die 2023 erschienenen neuen Pumuckl-TV-Geschichten übernahm der Kabarettist Maximilian Schafroth die Rolle. Dass der Kobold mit den roten Haaren im Fernsehen dennoch erstaunlich “wie in den 80ern” klingt, ist künstlicher Intelligenz zu verdanken: Mit ihr wurde Schafroths Stimme so bearbeitet, dass sie nah an die vertraute Clarin-Stimme herankommt. Die Technik des sogenannten Voice Clonings ist schon weit fortgeschritten und erlaubt verblüffende Nachbildungen – vorausgesetzt die KI wurde vorher mit Originalaufnahmen der Stimme trainiert, welche sie synthetisch reproduzieren soll. Im Fall des 2005 verstorbenen Hans Clarin haben dessen Nachfahren der “akustischen Wiederauferstehung” zugestimmt. In anderen Bereichen werden Stimmen von prominenten und nicht-prominenten Menschen ohne deren Einverständnis geklont – das sorgte bereits für erste Gerichtsprozesse und öffnet auch findigen Kriminellen viele Türen.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Er verbindet Gesichter mit Stimmen – nicht nur im Alltag, sondern auch im Kino und auf der Mattscheibe. Generationen von Zuschauern hörten über Jahrzehnte John Wayne mit der Reibeisen-Stimme des deutschen Schauspielers Arnold Marquis agieren. Captain Kirk aus “Raumschiff Enterprise” klang wie Sean Connery als James Bond – weil beide Charaktere vom Berliner Schauspieler Gert Günther Hoffmann synchronisiert wurden. Diese Stimmen prägten sich ein. Wenn ein Synchronsprecher früher verstirbt als der Hollywood-Schauspieler, welchen er regelmäßig “eindeutschte”, müssen Nachfolger für das Tonstudio gesucht werden: Manchmal gelingt es, neue Sprecher zu finden, die auch ohne KI nahe an die alten, vertrauten Stimmen herankommen. Wenn hingegen einer der Kino-Stars plötzlich mit völlig anderem Timbre spricht, sorgt dies nicht selten für Unmut unter den Fans. Das liegt wohl auch am “Bruch der Illusion”: Im echten Leben kommt es schließlich auch nicht vor, dass die Ehefrau oder der Arbeitskollege plötzlich anders klingt – von Erkältungsphasen oder Kater-Auswirkungen mal abgesehen.

Nicht erst seit der erfolgreich nachgeahmten Pumuckl-Stimme beschäftigt die künstliche Intelligenz die Branche der Synchronschauspieler. Seit einiger Zeit werden Youtube-Clips und manche Video-Produktionen mit sehr kleinen Budgets stark automatisiert in andere Sprachen übertragen. Dabei steht niemand mehr vor dem Mikrofon – der Computer übersetzt die Dialoge, generiert die synthetischen Sprecherstimmen und legt sie “passend” über die Filmbilder. Das Ergebnis wirkt in vielen Fällen dilettantisch: Worte erklingen in Momenten, in denen der Schauspieler den Mund gerade geschlossen hat. Und wenn akustisch eine Emotion transportiert wird, passt sie oft nicht zu den Gesichtsausdrücken auf dem Bildschirm.

Zahlreiche deutsche Synchronschauspieler haben eine Petition gestartet, welche für den Einsatz von künstlich erzeugten Stimmen in ihrer Branche klare Gesetze fordert. Besonderes Ärgernis: Immer öfter sollen die Sprecher bei neuen Aufträgen ihr Einverständnis geben, dass mit ihren Stimmen KI-Module trainiert werden dürfen. Santiago Ziesmer, Millionen von Kindern als Stimme von “Spongebob Schwammkopf” bekannt, hat deswegen bereits Aufträge abgelehnt, weitere Kollegen tun es ihm gleich. Es besteht die Befürchtung, mit jedem gesprochenen Wort die Lernbasis für eine Technik zu liefern, welche über kurz und lang jeden Studio-job übernehmen könnte – zu Lebzeiten und darüber hinaus! “Dank” KI könnten beliebte Figuren auch weit nach dem Tod des Originalsprechers mit der gewohnten Stimme vertont werden – quasi eine akustische Unsterblichkeit, zumindest was das Timbre angeht.

Letztendlich liegt es am Konsumenten. Er entscheidet, ob ihm bei Filmen oder Serien eine künstlich erzeugte Sprachfassung genügt, die schlimmstenfalls mit unpassenden Emotionen oder Lippenbewegungen glänzt, oder ob er ein Produkt bevorzugt, in dem die menschliche Komponente bzw. Seele spürbar ist. Wo echte Menschen vor Mikros stehen, können zwar Synchron-Fehler passieren, in vielen anderen Fällen wird jedoch die Qualität gesteigert. Hans Clarin erinnerte sich in einem Interview, dass es bei den Sprachaufnahmen für Pumuckl ein Dialogmanuskript gab. Wenn er mit Gustl Bayrhammer im Tonstudio war, hätten die beiden jedoch oft improvisiert. “Es war, wie wenn zwei Lausbuben sich etwas einfallen lassen.” Diese Komponente dürfte dazu beigetragen haben, dass die Stimmen von Meister Eder und seinem Kobold auch ganz ohne KI unsterblich geworden sind.

Foto: darialukoiko_123RF.com

[td_block_social_counter facebook="wochenblattneumarkt" style="" tdc_css="eyJhbGwiOnsiZGlzcGxheSI6IiJ9LCJwb3J0cmFpdCI6eyJtYXJnaW4tYm90dG9tIjoiMzAiLCJkaXNwbGF5IjoiIn0sInBvcnRyYWl0X21heF93aWR0aCI6MTAxOCwicG9ydHJhaXRfbWluX3dpZHRoIjo3Njh9" block_template_id="td_block_template_8" custom_title="Gib uns ein "Gefällt mir" auf Facebook und bleibe informiert" border_color="#aa2926" f_header_font_transform="uppercase"]

Bleiben Sie informiert mit unserem Newsletter

Der Wochenblatt Neumarkt Newsletter informiert Sie einmal in der Woche über aktuelle Nachrichten aus der Stadt- und dem Landkreis Neumarkt. Verpassen Sie keine Sonderangebote, Geschäftseröffnungen und vieles mehr.

Aktuelle Nachrichten

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren