So werden Tourismusziele für Menschen mit Handicap erlebbar
Die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ist ein Ziel, das auch im Tourismus eine Rolle spielt. Dabei gibt es recht unterschiedliche Ansätze, um Sehenswürdigkeiten, Attraktionen und Freizeit-Angebote für Besucher mit Handicap erlebbar zu machen.
“Barrierefreiheit” im baulichen Sinn kann auch im Tourismusbereich oft durch bekannte Mittel erreicht werden – mit Aufzügen und Rampen statt Treppen, breiteren Wegen ohne “Stolperfallen”, Handläufen und vielem mehr. Es gibt jedoch Orte, an denen solche Maßnahmen nicht umsetzbar sind – im historischen Bergfried oder in einer Tropfsteinhöhle kann beispielsweise nicht jeder Durch- oder Aufgang auf rollstuhltaugliche Breite oder Neigung gebracht werden. Immer öfter kommt dann moderne Technik zum Einsatz, um die Attraktion für mobilitätseingeschränkte Menschen zumindest im Ansatz erlebbar zu machen. Eine mögliche Lösung: Mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen können sie sich in einer virtuellen Nachbildung der Grotte umsehen oder einen digitalen 360-Grad-Blick vom mittelalterlichen Turm schweifen lassen. Das ist zwar kein vollwertiger Ersatz des echten Erlebnisses, wenn der Rest der Reisegruppe zurückkehrt, können Menschen mit Handicap im Optimalfall aber “mitreden”.
Auch im Vergnügungssektor sind immer mehr Inklusionsbestrebungen sichtbar. In deutschen Freizeitparks gibt es vielerorts “Mitfahrgelegenheiten” für Gäste mit speziellen Bedürfnissen. Auf der Floßfahrt durch den künstlichen Dschungel schippern dann z.B. ein oder zwei Spezialboote, welche statt durchgehenden Sitzreihen Plätze für Rollstuhlfahrer bieten. In den USA geht man beim Bau neuer Attraktionen noch weiter: Bei manchen Erlebnisfahrten existiert ein separater Bahnhof, dort können mobilitätseingeschränkte Menschen in aller Ruhe in einen Wagen einsteigen, welcher dann über eine Weiche auf die Standard-Schiene zurückgleitet, ohne die anderen Besucher in ihren Gefährten groß abzubremsen. Derart aufwändige Systeme müssen jedoch in der Planung von Anfang an konsequent mitgedacht und kostentechnisch mitkalkuliert werden.
Für Touristen mit eingeschränkten Sinnen wird ebenfalls investiert. Um Sehenswertes für Menschen ohne Sehvermögen erlebbar zu machen, gibt es mehrere Ansätze. Einige Museen setzen zum Beispiel auf Audioguides, welche ausgestellte Werke akustisch beschreiben. Manchmal ersetzt aber auch der Tastsinn das Auge. Dabei wird Menschen mit Sehbehinderung explizit das “Anfassen” erlaubt – entweder dürfen sie Originalexponate mit Handschuhen erfühlen oder erhalten spezielle Tastmodelle, welche die Skulpturen in verkleinerter Form abbilden. Für Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen werden bei Videopräsentationen fast schon standardmäßig Untertitel verwendet, bei manchen Live-Vorführungen wird der Ton mit Hilfe von Induktionsschleifen oder ähnlichen Systemen direkt an Hörgeräteträger übertragen.
Nicht immer bedeutet Barrierefreiheit im Tourismusbereich, Angebote so umfassend wie möglich auf alternativen Wegen erlebbar zu machen. Manchmal hat Inklusion auch etwas mit einer gewissen Reduktion zu tun. So werden zum Beispiel spezielle Texttafeln angebracht, welche die wichtigsten Informationen in “einfacher Sprache” transportieren sollen. Auch in internationalen Musicalmetropolen wie New York oder London stellt man sich seit einigen Jahren auf besondere Bedürfnisse ein: In regelmäßigen Abständen finden dort separate Vorstellungen speziell für Menschen mit Autismus, Hochsensibilität oder sensorischen Einschränkungen statt. Dabei wird z.B. generell mit geringerer Lautstärke gespielt und auf Stroboskop- oder blendende Lichteffekte sowie “plötzliche” laute Geräusche verzichtet.
Wo endet “echte” Teilhabe?
Es gibt Menschen, welche vehement die Meinung vertreten, dass Inklusion im Tourismus- und Freizeitbereich noch wesentlich intensiver betrieben werden sollte – in ihren Augen sollte überspitzt gesagt jeder Kletterwald so gestaltet werden, dass er auch von Besuchern “ohne Arme und Beine” problemlos genutzt werden kann. Die Frage “Wieviel Inklusion macht Sinn?” birgt auch hier Stoff für Debatten – dabei geht es nicht nur um Kosten oder technische Machbarkeit, sondern irgendwann auch um eine eher philosophische Frage: Wie kann ein Erlebnis barrierefrei präsentiert bzw. modifiziert werden, dass Menschen mit Handicap es noch als echte Teilhabe am Alltag empfinden – und nicht als auf ihre Bedürfnisse zugeschneiderte “Parallelwelt”?

Foto: grejak_123RF.com
















