Eine Sache des Niveaus…
und des Stils
“Geistererscheinungen” in der Azubi-Welt
Eine vergangene Woche vorgestellte Umfrage von NiedersachsenMetall thematisierte aktuelle Qualitäts-Probleme am Ausbildungsmarkt. 320 Mitgliedsunternehmen aus 15 Arbeitgeberverbänden wurden befragt und bemängelten vor allem sprachliche Defizite, aber auch fachliche und soziale Schwächen bei den Bewerberinnen und Bewerbern. Knapp die Hälfte der teilnehmenden Unternehmen konnte Ausbildungsstellen nicht besetzen, obwohl sie aktiv gesucht hatten. Hauptgrund ist aus Sicht der Betriebe die fehlende Ausbildungsreife vieler Bewerber. Gleichzeitig investieren immer mehr Unternehmen in eigene Nachschulungs- und Unterstützungsprogramme, um Ausbildungen überhaupt erfolgreich durchführen zu können.
Sprachdefizite als Problem
„Wer Arbeitsanweisungen nicht sicher versteht oder sich nicht klar ausdrücken kann, stößt auch in technischen Berufen schnell an Grenzen”, sagt Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer von NiedersachsenMetall. “Wenn Betriebe grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Rechnen oder soziale Regeln nachholen müssen, geht es nicht mehr um Fachkräftesicherung, sondern um Schadensbegrenzung – mit Folgen für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.“ Die Umfrage zeigt zudem: Jeder fünfte Betrieb stellt inzwischen auch Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Abschluss ein, um Ausbildungsplätze nicht unbesetzt zu lassen.
Aus Sicht der Stiftung NiedersachsenMetall liegen die Ursachen vor allem im Bildungssystem. „Rund ein Viertel der Viertklässler erreicht beim Textverständnis nicht einmal das Mindestniveau, bei den 15-Jährigen sieht es ähnlich aus“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Olaf Brandes. Er plädiert daher für frühe und verbindliche Sprachtests vor der Einschulung. „Einschulung ist nur dann sinnvoll, wenn Kinder dem Unterricht sprachlich folgen können. Andernfalls werden die Probleme nur verschoben – bis in die Betriebe hinein.“ Auch Unterrichtsausfälle und corona-bedingte Versäumnisse würden in Niedersachsen zu den Problemen beitragen – andere Bundesländer wie Bayern würden in Bildungsstudien seit Jahren besser abschneiden. Auch im weiß-blauen Freistaat ist jedoch aus unterschiedlichsten Branchen zu hören, dass bei immer mehr Bewerbern fachliche oder soziale Defizite bestehen, die im Rahmen eines Ausbildungsverhältnisses nicht oder nur schwer ausgeglichen werden können.
Wie ein Geist
Während man das oben beschriebene Umfrageergebnis als Indikator für sinkendes Niveau auf Bewerberseite einstufen kann, lässt sich bei den kommenden Zahlen darüber streiten, ob sie von sinkendem Niveau oder “schlechtem Stil” zeugen (die Grenzen sind hier durchaus fließend): Der Begriff “Ghosting” ist öfter in Verbindung mit der Partnersuche zu hören – damit gemeint sind Situationen, in denen das Gegenüber in unterschiedlichen Dating-Stadien ohne erkennbaren Grund den Kontakt abbricht und plötzlich nicht mehr erreichbar ist – wie ein Geist, der spurlos verschwindet. Auch auf dem Ausbildungsmarkt lässt sich dieses Phänomen immer häufiger beobachten. Dazu gehören Fälle, in denen Lehrstelleninteressierte nicht mehr kontaktierbar sind, aber auch Situationen, in denen Auszubildende trotz unterschriebenem Vertrag am ersten Tag einfach nicht auftauchen. Dieses Verhalten wurde bislang wenig untersucht, erste Studien aus der Handwerksbranche sprechen jedoch von bis zu 4 Prozent der abgeschlossenen Azubi-Verträge – Tendenz steigend. Um solchen Überraschungen vorzubeugen, empfehlen diverse Arbeitsmarktexperten den Firmen, zu den Auszubildenden in spe schon vor dem ersten offiziellen Tag eine Beziehung aufzubauen – und sei es mit einer Einladung zum Betriebsfest.
Auch manche Unternehmen betreiben jedoch in gewisser Weise “Ghosting” – dies schildern zahlreiche Erfahrungsberichte in Onlineforen: So gibt es neben den plötzlich abtauchenden Azubis eben auch Firmen, welche zwar Stellen ausschreiben, auf die meisten eingehenden Bewerbungen jedoch überhaupt nicht reagieren – auch nicht mit einer “stilvollen” Absage.



















