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Samstag, 20 August 2022
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Allerheiligen und Allerseelen: Totengedenken und Bestattungskultur im Wandel

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(pde) – An Allerheiligen und Allerseelen, 1. und 2. November, gedenken Katholiken der Verstorbenen. Viele Menschen besuchen Friedhöfe, entzünden Grablichter, schmücken die Gräber mit frischen Blumen und beten für die Seelen der Toten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sich die Ruhestätten für Verstorbene und auch die Bestattungskultur verändern.

Auf den Friedhof führt der letzte Weg, sei es in einem Sarg oder in einer Urne, ins eigene Grab, auf eine anonyme Parzelle oder in die pompöse Familiengruft. Die Begräbnisstätten sind gesetzlich bestimmte Plätze für die Toten, für die Hinterbliebenen sind es Orte der Trauer und Erinnerung. Im Bistum Eichstätt finden viele Verstorbene ihre letzte Ruhe auf kirchlichem Grund: 282 Friedhöfe befinden sich im Besitz katholischer Kirchenstiftungen. „Wobei nahezu alle katholischen Friedhöfe, die eine Erweiterung erfahren haben, insbesondere in der Nachkriegszeit, nicht mehr als allein katholisch angesehen werden können“, erklärt Dr. Leo Hintermayr, Referent für diözesangeschichtliche Aufgaben. Denn die Erweiterungen, das gilt auch für Neuanlagen an den Ortsrändern, besorgten fast immer die politischen Gemeinden, in deren Eigentum dann die entsprechenden neuen Friedhofsteile und Friedhöfe heute stehen. Vielfach hätten die politischen Gemeinden nach einer Erweiterung die Verwaltung des kompletten Friedhofs übernommen. Auch was die Erbauung von Leichenhäusern anbelangt, seien vielfach die politischen Gemeinden tätig geworden.

Die Verteilung von katholischen Friedhöfen in der Diözese spiegelt laut Hintermayr die alte konfessionelle Prägung der einzelnen Gebiete wieder. „Das heißt, in den traditionell evangelisch geprägten Gebieten gibt es keine katholischen Friedhöfe.“ Auch Stadt-Land-Unterschiede seien feststellbar. „In den Ballungsräumen Nürnberg und Ingolstadt und größeren Städten wie etwa Neumarkt gibt es so gut wie keine katholischen beziehungsweise kirchlichen Friedhöfe mehr“, erzählt Hintermayr.

Im Jahr 2020 wurden 4.107 katholische Bestattungen im Bistum Eichstätt durchgeführt. Insgesamt sind die kirchlichen Bestattungszahlen bezogen auf die Zahl der Katholiken seit Jahren stabil. Sie liegen bei etwa 1 Prozent der Katholiken im Bistum, wie Daten aus dem Meldewesen der Diözese Eichstätt zeigen. Die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ist nicht zwingend Voraussetzung für eine Bestattung auf einem katholischen Friedhof. Wer dort bestattet werden darf, regelt die jeweilige Friedhofsordnung. Finanziert werden die katholischen Friedhöfe durch Gebühreneinnahmen. Es werden „Grabnutzungsgebühren“ je nach Grabart – zum Beispiel Einzelgräber, Familiengräber, Urnengräber – erhoben. Dabei handelt es sich in der Regel um Jahresbeiträge, die im Voraus für einen bestimmten Zeitraum, zum Beispiel für 10 oder 20 Jahre, zu bezahlen sind. Es gilt das Prinzip der Kostendeckung.

Vom Kinderspielzeug bis zur Tabakspfeife

Wie hoch der Anteil von Sarg- und Urnenbestattungen im Bistum Eichstätt ist, ist nicht erfasst. „Eine deutliche Veränderung im Bestattungswesen ist jedoch besonders seit der deutschen Wiedervereinigung bemerkbar“, berichtet Werner Hentschel, Referent für Liturgie und liturgische Bildung im Bischöflichen Ordinariat Eichstätt. „Zum klassischen Begräbnis mit Messfeier kam es auch unter Christen immer mehr zu Kremationen mit Urnenbeisetzungen und anonymen Bestattungen in Friedwäldern ohne kirchliche Mitwirkung. Diesen Dienst übernehmen immer öfter freie Grabredner. Diese Entwicklung war im Großstadtbereich bereits vor Jahrzehnten nicht unbekannt. „Es war aber überraschend, wie stark sie sich bistumsweit beschleunigte, wo doch die Diözese Eichstätt eher ländlich, dörflich geprägt ist, wo Rituale beständiger ihre tragende Kraft bewahren“, sagt Hentschel.

Sicherlich sei die Pflege der vorhandenen Gräber für viele Angehörige nach wie vor „heilige Pflicht“ und Zeichen der Verbundenheit mit den Verstorbenen. „Doch hat mittlerweile die große Überzahl der Friedhöfe schmucklose Urnenwände, die in ihrer künstlerischen ‚Nichtgestaltung‘ kaum zum Verweilen an diesen Stellen einladen“, bemängelt der Liturgieexperte. Dafür blieben immer öfter Grabflächen leer, die nun minimale Pflege durch die Träger der Friedhöfe erhalten. „Der Gedanke, dass ein Friedhof ‚fast wie eine Parkanlage‘ ein Ort des Gedenkens oder Meditierens ist, auch ein Ort mit Plätzen zur Begegnung und zum Austausch, gerät mancherorts in Vergessenheit“, sagt Hentschel.

Freilich gebe es auch Ausnahmen. Als Beispiel nennt Hentschel den Städtischen Hauptfriedhof der Kreisstadt Neumarkt: „Dort kann man sich wie in einem Stadtpark fühlen.“ Bezüglich der sichtbaren Trauerkultur könne man für die Region des Bistums Eichstätt sagen: „Den meisten Hinterbliebenen ist es nach wie vor ein Anliegen, ‚ihre‘ Gräber gärtnerisch zu pflegen und so auch ihr Gedenken an die Verstorbenen zu bewahren. An Fest- und Gedenktagen und besonders an Allerheiligen und Allerseelen ist der gemeinsame Gräbergang oder das private Aufsuchen der Gräber mit Entzünden eines Grablichtes als Sinnbild für das ewige Leben in Gott noch eine gewohnte Praxis.“

Doch dieser Ausdruck christlichen Gedenkens im Gebet und Zeichen sei rückläufig. Dies stehe im Zusammenhang mit der rückläufigen Glaubenspraxis, die in Stadt- und Landbereich unübersehbar sei. „Neu aufkommende Ersatzrituale sind mehrdeutig und haben kaum eine religiöse Prägung, zum Beispiel das Ablegen von Lieblingsgegenständen am oder auf dem Grab, vom Kinderspielzeug bis zur Tabakspfeife.“ Hentschel findet es „sehr fraglich, ob die seelsorglich Verantwortlichen dieser Entwicklung in den letzten Jahren genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.“

Rosenfriedhof mit schmiedeeisernen Kreuzen in Dietkirchen bei Neumarkt. Foto: Anika Taiber-Groh/pde

Wie funktioniert eine kirchliche Bestattung?

Friedhöfe in der heutigen Form gibt es noch gar nicht so lange. In der antiken Gesellschaft waren Bestattungen eine Familienangelegenheit. Als sich das Christentum verbreitete, entstand ein neues Bild der Gesellschaft: Die Gemeinde war von nun an auch für die Verstorbenen zuständig.

Der Begriff „Friedhof“ stammt aus dem 9. Jahrhundert. Es war der eingefriedete Vorhof einer Kirche. In den meisten Fällen handelte es sich um eine wenig gepflegte Wiese, auf der das Vieh weidete und sich die Gemeinde zu Märkten traf. Erst die Reformation führte zu einer Wahrnehmung als Ruhestätte. Im 19. Jahrhundert übernahmen viele Kommunen die konfessionellen Friedhöfe. Die heute bekannten öffentlichen Friedhöfe entstanden: Jede und jeder hat dort Anspruch auf ein Grab, egal welche Konfession sie oder er hat.

Bei der kirchlichen Begräbnisfeier – das ist die römisch-katholische Form einer Verabschiedung und Bestattung – geht es um den Glauben an die Auferstehung. Wichtige Elemente sind die Verkündigung des Wortes Gottes, die Verabschiedung der oder des Verstorbenen und die Fürbitte für sie oder ihn bei Gott. Auch die Feier der Heiligen Messe und der letzte Gruß an die oder den Verstorbenen gehören dazu.

Üblich sind drei Stationen. Die erste ist eine Eröffnung zum Beispiel in der Trauerhalle. Der zweite Teil ist eine Messe oder Wort-Gottes-Feier in der Kirche. Die dritte Station ist die Beisetzung am Grab. Je nach Entfernung von Kirche und Friedhof kann es weniger Stationen geben. Auch wenn anonyme Bestattungen heute zunehmen: Friedhöfe sind immer noch ein sichtbares Zeichen – eine Brücke zwischen den Lebenden und den Verstorbenen.

Eine Audio-Slideshow-Reihe zu Friedhöfen im Bistum Eichstätt ist abrufbar unter www.bistum-eichstaett.de/friedhoefe.

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