Musikalische Späterziehung beim Sonntagskaffee

Musikalische Späterziehung beim Sonntagskaffee

Ulrich Badura

„Wir können jedem in die Augen schauen, den wir 'ausgesungen' haben“, resümiert Stefan Röll von den Dietfurter Moritatisten – die vier Herren, welche alljährlich durch die Gasthäuser der Stadt ziehen und Missgeschicke ihrer Mitmenschen musikalisch aufbereiten, haben also wohl den richtigen Ton getroffen. Die Tradition reicht in die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg zurück, in den 1950er-Jahren wurde jedoch pausiert. 1969 wurde das Moritatensingen dann wiederbelebt.

Das Jahr über sammeln die Sänger Stephan Graf, Martin Huber, Martin Neger und Stefan Röll die Geschichten, welche in Lieder umgearbeitet werden sollen. Die allererste Moritat nach der Renaissance erzählte von einem Faschingsbesucher, welcher sich ins vermeintlich eigene Bett legte und am Morgen halbnackt unter einem Auto am Dietfurter Marktplatz erwachte. Nicht immer liefert jedoch übermäßiger Alkoholkonsum das Material, Stoff bietet z.B. auch der Traktor im Gartenzaun oder die Suche nach einem verlorenen Ehering. Im besten Fall passiert einer „stadtbekannten“ Persönlichkeit etwas, was sich in Reimform bringen lässt. „Wir haben uns selbst schon hin und wieder Grenzen gesetzt“, erzählt Röll, „über Menschen mit Behinderungen spotten wir zum Beispiel nicht und auch die Verballhornung einer offiziellen Hymne haben wir uns verkniffen.“

Im fünfzigsten Jahr nach der „Wiederbelebung“ ziehen die Moritatisten gleich zweimal durch Dietfurt und haben dabei einen straffen Terminplan: Am letzten Sonntag gastierten sie im Dreiviertelstundentakt in acht Lokalitäten der Stadt und präsentierten Schadenfreude in musikalischer Form, am 24. Februar findet der zweite Teil der Jubiläumstour statt. Dabei besuchen sie dieselben Wirtshäuser, haben aber andere Moritaten im Gepäck. Mit den Liedern, die man früher auf mittelalterlichen Marktplätzen für das gemeine Volk darbot, haben diese eines gemeinsam: Sie sind eine Art „musikalische Späterziehung“, stets gibt es am Ende eine Moral. Der große Unterschied: Die alten Moritaten endeten nicht selten mit dem grausamen Ableben des Akteurs, welcher z.B. beim Fensterln tödlich verunglückte oder einem Duell-Partner unterlag. Bei der modernen Dietfurter Variante sind die „Ausgesungenen“ dagegen quicklebendig und können im Nachhinein über das eigene Malheur durchaus lachen.