Stolze Rösser und dränge(l)nde Fragen

Stolze Rösser und dränge(l)nde Fragen

Ulrich Badura

Dass die Kälte wieder einmal erbarmungslos unter die Pferdedecken und in die Wintermäntel kroch, hatte 2018 auf den Publikumsandrang beim Berchinger Rossmarkt keine sichtbaren Auswirkungen. Es ist schwierig einzuschätzen, wie viele Zuschauer dieses Mal gekommen waren, doch wenn man die Stellplatzsituation rund um die Gluckstadt als Indiz nehmen möchte, kann man von Rekordzahlen ausgehen – noch kurz bis zur Abzweigung nach Erasbach wurden an der B299 Feldränder als Parkplätze zweckentfremdet. Mitglieder der Einsatzkräfte mussten besonders wachsam sein, damit Rettungswege nicht verstellt wurden.

Rund 120 Pferde samt Besitzern sammelten sich kurz vor Beginn des traditionellen Auftriebs vor den Stadttoren und marschierten dann unter fachkundigen Lautsprecherkommentaren zum Marktplatz. Wer nach dieser Parade ebenfalls in den Stadtkern wollte, steckte minutenlang in langsam vorankommenden Menschenmassen. Da drängte sich bei einigen Besuchern die Frage auf, ob man in den kleinen Seitenstraßen wirklich noch Verkaufsstände aufbauen müsse, wenn ein paar Meter weiter am luftigeren Marktplatz dafür augenscheinlich freier Platz sei. Doch die Planung einer solchen publikumsreichen Veranstaltung ist grundsätzlich eine sehr komplexe Angelegenheit. Nicht zuletzt seit der Massenpanik bei der  Loveparade 2010 haben viele Veranstalter mehr Sensibilität und Auflagen, was Flucht- und Rettungswege angeht. Für Berching gibt es ein offizielles Sicherheitskonzept, welches die Kommune mit Einsatzkräften und dem Landratsamt erarbeitete und in regelmäßigen Treffen auch feinjustiert. „Da werden ortsgegebene Engstellen ebenso berücksichtigt wie z.B. der Wendekreis eines Einsatzfahrzeuges“, erklärt Michael Danninger, Leiter der Polizeiinspektion Neumarkt. Der Rossmarkt ist natürlich auch eine spezielle Herausforderung, durch die gleichzeitige Anwesenheit von über 100 tonnenschweren Vierbeinern und über 10.000 Zweibeinern. Sowohl bei Vertretern der einen als auch der andnere Gruppe kann schließlich „der Gaul durchgehen“, erwähnenswerte Zwischenfälle blieben in der langen Geschichte des Wintervolksfestes aber erfreulicherweise aus.

Politisches Podium

„Mogst no den Söder seh´n?“, fragt ein Rosserer seinen Begleiter kurz nach dem Ende des Pferdeauftriebs und erhält prompt eine bejahende Antwort. Der politische Gastredner 2018 war zwar schon öfter beim Berchinger Traditionsevent, allerdings noch nie in seiner Funktion als designierter Ministerpräsident. Das zieht an diesem Tag nicht nur zahlreiche Zuschauer auf den Marktplatz, sondern auch Demonstranten, die eigentlich in anderen Regionen Bayerns zu Hause sind. So machen z.B. Gegner des umstrittenen Nationalparks in der Rhön mit Plakaten Stimmung gegen das Projekt. Die typischen Probleme Berchings bringt Bürgermeister Ludwig Eisenreich zur Sprache. Dazu gehören in seinen Augen u.a. der langsame Ausbau von Internetleitungen im ländlichen Raum, aber auch der oft gehörte Vorwurf des „Flächenfrasses“ durch Bauprojekte. „Wir fressen keine Flächen“, betonte Eisenreich, „wenn jemand das Für und Wider von Ansiedlungen genau abwägen kann, dann sind das Vertreter der Kommunalpolitik, weil sie die Situation vor Ort kennen.“ Söder griff während der Vorschläge der Stadtspitze mehrmals zum Stift, um sich Notizen zu machen, hob in seiner Rede aber auch hervor, dass schon einiges im ländlichen Raum gestemmt werde – nicht zuletzt aufgrund des kommunalen Finanzausgleichs, der z.B. Großstädten wie München seit einigen Jahren weniger Fördermittel einräumt. Der Minister sprach sich für eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft aus, auch durch Senkung bürokratischer Hürden: „Es kann nicht sein, dass wir da jede Menge Papierkram haben und gleichzeitig kommt man ohne Probleme in unser Land, wenn man angibt, den Pass verloren zu haben.“