Die Drei aus dem Morgen- und Gesternland

Die Drei aus dem Morgen- und Gesternland

Ulrich Badura

Für Marie, Stefan und Tom ist der Weg zum ersten Haus nicht allzu lang. Während andere Ministranten nach dem Gottesdienst am Samstagmorgen von ihren Betreuern in umliegende Ortsteile gefahren werden, kommen die drei 11-Jährigen mit einem kleinen Spaziergang aus. Sie haben das Viertel rund um die Deininger Kirche als „Einsatzgebiet“ zugeteilt bekommen. Mit tragbarem Stern, Sammelbüchse und erwachsener Betreuerin ziehen sie los. Die spannende Frage bei jedem Gebäude: Sind die Bewohner zu Hause und bereit für den Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland?

„In unseren vier Pfarreien gehen heute 110 Kinder als Sternsinger durch die Straßen,“ erklärt Pfarrer Michael Konecny, „da sind Viertklässler ebenso aktiv wie Schüler der 9. Jahrgangsstufe.“ Dank dieser hohen Teilnehmerzahl kann das gesamte Gemeindegebiet abgedeckt werden. In anderen Teilen Deutschlands klagen Verantwortliche dagegen, dass sich immer weniger Kinder und Betreuer finden, welche die Touren von Caspar, Melchior und Balthasar möglich machen. „Wir spüren zwar auch, dass die Bereitschaft für ehrenamtliches Engagement nachlässt, dieses Jahr ging aber noch alles gut.“ Im Vorfeld haben die Beteiligten auch viel Arbeit in ihre Kostümierung gesteckt, teilweise wirken die selbstgebastelten Kronen wie echte Schmuckstücke. Nicht in allen Gruppen wird aber noch mit Hilfe von schwarzer Schminke daran erinnert, dass einer der drei Könige vermutlich dunkelhäutig war. Es gab in den letzten Jahren bereits Diskussionen in der Öffentlichkeit, ob dieser Make-Up-Einsatz womöglich „politisch unkorrekt“ sei. „Letztendlich geht es aber darum zu zeigen, dass Jesus Menschen aller Hautfarbe ansprach“, so Michael Konecny.

Marie, Stefan und Tom haben inzwischen die ersten vier Nachbarshäuser besucht – in der Spendenbüchse klappert bereits Bargeld. Seitdem 1959 zum ersten Mal Sternsinger in Deutschland durch die Straßen zogen, wurde rund eine Milliarde Euro für benachteiligte Kinder gesammelt. In diesem Jahr sollen die Mittel gegen Kinderarbeit in Indien und anderen Ländern eingesetzt werden. Zum Abschluss eines jeden „Hausbesuchs“ wird natürlich auch der schriftliche Segen an der Tür erneuert. Dass die Buchstabenkombination „C+M+B“ nicht für die Initialen der drei Weisen steht, wissen die drei jungen Sternsinger natürlich – der korrekte lateinische Spruch („Christus mansionem benedicat“ - „Christus segne dieses Haus“) geht ihnen dann spätestens nach dem ersten Schuljahr Latein flüssig über die Lippen. So mancher Landkreisbewohner kann sich aber auch noch daran erinnern, dass früher zum Dreikönigstag mehr„flüssig“ über die Lippen ging als heute. Vor zwei bis drei Jahrzehnten war der Altersdurchschnitt der Sternsinger ein paar Jährchen höher und an den Haustüren gab es als Dankeschön für den überbrachten Segen nicht selten alkoholische Getränke. Doch die Zeiten haben sich geändert: Heute steckt man den meist minderjährigen Teilnehmern höchstens ein paar Süßigkeiten zu. Diese werden gerecht geteilt und sorgen zudem dafür, dass die drei Könige auch nach dem vierten Haus nur einen einzigen Stern von Bethlehem sehen...