Nicht in der Schule lernen wir, sondern im Leben

Nicht in der Schule lernen wir, sondern im Leben

Ulrich Badura

Anders als seine Mitschüler hat Emil Werb bereits seit Februar kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Kurz nach Fasching war klar: Das Covid19-Virus wird seine „Welttournee“ antreten und für den jungen Neumarkter wurde das Haus seiner Familie ab diesem Zeitpunkt zur Schule. Der Grund: Nach seiner Herztransplantation im November 2018 wurde Emil´s Immunsystem künstlich heruntergefahren, somit gehört er zur Corona-Hochrisikogruppe. Für den Ostendorfer-Gymnasiasten begann die Homeschooling-Phase damit einige Wochen vor dem Zeitpunkt, ab dem auch seine Mitschüler nicht mehr in die Schulhäuser durften. „In Englisch geht es aktuell ganz gut, in Mathe komme ich gerade gar nicht zurecht“, beschreibt der Fünftklässler die persönlichen Erfahrungen.

Während des Lockdowns bekamen die meisten Landkreisschüler von den Lehrern über das Internet Arbeitsaufträge für eine komplette Woche geschickt, welche sie selbstständig abarbeiten sollten. „Das fällt Emil und sicher auch anderen Gleichaltrigen schwer“, betont Mutter Sonja, „wir streiten im Grunde einmal am Tag wegen Homeschooling.“ Damit die Ablenkungen des eigenen Kinderzimmers nicht erschwerend hinzukommen, verbringt sie jeden Tag einige Stunden mit Emil am Küchentisch – sie arbeitet für ihren Beruf, Emil lernt für die Schule.

Dass Emil´s Mitschüler aufgrund der Schulschließungen ebenfalls einige Wochen lang zu Hause bleiben mussten, stellte für ihn sogar eine kleine Erleichterung dar, da er nichts mehr im Klassenzimmer verpasste. „Arbeitsblätter kann man sich noch schicken lassen, aber Tafelanschriften und das direkt im Unterricht Besprochene bekommt man natürlich nicht mit“, erklärt Sonja Werb. Ausdrücklichen Respekt zollt sie den Lehrern, welche sich während des Schul-Lockdowns auch im Internet ins Zeug legten und z.B. Videos zur Aussprache von Englisch-Vokabeln schickten. Da Emil auch in den nächsten Wochen noch nicht am Unterricht teilnehmen kann, liebäugelt die Familie mit der Anschaffung eines kleinen Roboters, welcher im Klassenzimmer positioniert wird. Der Fünftklässler kann damit den Unterricht über das Internet live mitverfolgen und selbst Fragen stellen oder Antworten geben.

Durchwachsene Erfahrungen

Bereits letzte Woche durften bzw. mussten Jugendliche, welche in diesem oder im nächsten Jahr ihre Abschlüsse machen, wieder zurück in die Schule. Wer sich unter ihnen umhört, bekommt oft ähnliche Erfahrungen geschildert: Zu Beginn der Homeschooling-Phase hatten viele Probleme, auf die angedachten Internet-Plattformen zuzugreifen – erst nach einigen Wochen spielte sich die Kommunikation mit den Lehrkräften ein. Ganz ehrlich geben manche Schüler zu, dass das „schöne Wetter“ und die ungeklärte Frage, wohin die Welt im Krisenmodus steuere, nicht die beste Lernmotivation in den eigenen vier Wänden gewesen seien. Der fehlende persönliche Kontakt zu Klassenkameraden spielte für einige ebenfalls eine Rolle. Das Fazit vieler Befragter: Das Lernen über das Internet kann den persönlichen Kontakt mit Lehrern nicht ersetzen und sorgt gerade in persönlichen „Problemfächern“ oft für weitere Verwirrung – Prüfungsnachteile befürchten die meisten durch den temporären Wegfall des klassischen Unterrichts aber nicht. Und selbst wer in den letzten Wochen quasi nichts für die Schule tat, lernte doch etwas fürs Leben – zum Beispiel, dass die vielzitierte Digitalisierung noch nicht soweit gediehen ist, wie es manche Politiker behaupten. Sowohl in den Fächern „Technische Praktikabilität“ als auch „Menschliches Nutzerverhalten“ sind die Zeugnisnoten noch ausbaufähig...