Europa als neues Eigenheim

Europa als neues Eigenheim

Ulrich Badura

„Die Pläne für unser neues Haus waren schon gezeichnet“, erzählt Natalie Thumann und sitzt dabei an einem Campingtisch auf einem Feldweg in Berg – unweit der Stelle, wo die junge Neumarkter Familie eigentlich bauen wollte. „Doch dann haben wir uns innerlich gefragt, ob das wirklich unser großes Ziel ist – Haus beziehen, Kredite abzahlen und in eine Art Alltagstrott verfallen“, ergänzt Ehemann Moritz. Die Thumanns schmeißen die Pläne über den Haufen und entscheiden sich dazu, auf Europareise zu gehen. Hinter den Campingstühlen des jungen Paares steht nun das, was an die Stelle des Traums vom Einfamilienhaus gerückt ist: Ein Wohnmobil mit acht Quadratmetern Nutzfläche. Damit will die Familie im August zu einer mindestens einjährigen Tour starten. „Wir haben ein paar Orte herausgesucht, die wir gerne anfahren möchten, aber keinen genauen Zeitplan.“ Nur das erste Ziel steht fest: Paris – ein Wunsch von Tochter Sophie. Da ihre Eltern sich und den Nachwuchs in Deutschland abmelden, greift die offizielle Schulpflicht nicht mehr. „Sophie soll in dieser Zeit frei lernen, wofür sie sich interessiert“, meint Natalie Thumann, „wir stehen ihr da mit unserem Wissen zur Verfügung, werden uns aber nicht an irgendwelche Lehrpläne halten.“ Regelmäßig schreiben die Thumanns in einem Internet-Tagebuch über ihre Alltagserlebnisse, mehr als deutlich klingt dabei durch, dass sie das aktuelle Schulsystem für
suboptimal halten.

Zur vierköpfigen Familie gehört noch Sophie´s kleiner Bruder Jonas, welcher bereits bei längeren „Probeurlauben“ bewiesen hat, dass er hervorragend im Wohnmobil dösen kann. Die Testfahrten dienten auch dazu, die Alltagstauglichkeit des mobilen Eigenheimes herauszufinden. Momentan lösen die Thumanns ihre 100 Quadratmeter große Wohnung in der Jurastadt auf und trennen sich von zahlreichen Gebrauchsgegenständen. „Die Playmobil-Sets und viele andere Spielsachen werden bei Oma auf dem Dachboden gelagert, weil sie so viele Kleinteile haben“, erzählt Sophie beim Kartonpacken im Kinderzimmer, „die Barbiepuppen nehme ich aber mit.“ Für die Eltern fällt zudem viel Papierkram an: Das Fahrzeug muss auf den Schwiegervater angemeldet werden, Bankgeschäfte werden über internationale Konten geführt. „Wir haben für den Hausbau einiges auf die Seite gelegt“, erzählt Moritz Thumann, „damit sollten wir auf jeden Fall ein Jahr ohne geregeltes Einkommen über die Runden kommen.“ Die klassischen Campingplätze wollen die Europareisenden soweit wie möglich meiden und lieber auf Bauernhöfen Stellmöglichkeiten finden, wo sie auch gerne mit anpacken würden. Als ehemaliger Mitarbeiter einer Werbeagentur sieht Moritz Thumann zudem die Möglichkeit, jederzeit über das Internet arbeiten zu können.

Während sich die Familie Besuche in Deutschland gut vorstellen kann, gibt es noch keine Pläne, wie das Leben nach der mindestens einjährigen Reise aussehen soll. Letztendlich dient die Tour durch Frankreich, Spanien, Portugal und Co. auch dazu, die eigenen Wünsche klarer zu erkennen. „Natürlich waren unsere Angehörigen erst mal schockiert“, erzählt Natalie Thumann, „aber zum Beispiel die Eltern hatten sich früher selbst mal vieles vorgenommen und haben inzwischen Verständnis dafür, dass wir es nicht erst wagen wollen, wenn wir zu alt dazu sind.“