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Freitag, 16 April 2021
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Jüdische Friedhöfe sollen bayernweit dokumentiert werden

Peter Romir

Hoch auf dem Berg über Sulzbürg liegt ein verstecktes Kleinod: Der fast 600 Jahre alte jüdische Friedhof. Normalerweise ist die Türe verschlossen – wer sie öffnen will, muss sich den Schlüssel von einer in der Nachbarschaft lebenden Familie holen. Wir betreten den Ort in Begleitung von Heide Inhetveen. Die ehemalige Professorin für Soziologie hat die Erforschung des Friedhofs zu ihrer Lebensaufgabe gemacht: „Ich wurde 1942 in Neumarkt geboren, lebe inzwischen aber in Sulzbürg. In meinem Geburtsjahr wurden aus dem Dorf die letzten jüdischen Menschen deportiert. Damit gingen hier Jahrhunderte jüdischer Geschichte zu Ende.“ Denn Sulzbürg war „multikulti“ lange bevor dieses Wort erfunden wurde: Je ein Drittel der Bevölkerung war evangelisch, katholisch oder eben jüdisch.

Heide Inhetveen führt uns entlang der erhaltenen 361 Grabsteine: Die ältesten sind schlichte Steintafeln, die jüngeren kunstvoll verzierte Säulen. Alle haben sie eines gemeinsam: Die Inschriften. „Sie sind viel ausführlicher als bei christlichen Gräbern und beschreiben oft in poe-tischer Weise das Leben und den Tod der Person. Es ist wie ein steinernes Geschichtsbuch.“ Ein Buch, das mit den Jahren immer schwerer lesbar wird. Wind und Wetter setzen den Steinen zu. „Jüdische Tradition ist es auch, dass man die Friedhöfe der Natur überlässt“, sagt Inhetveen. „Eine Grabpflege wie auf christlichen Friedhöfen gibt es nicht. Bestenfalls wird mal ein Stein auf ein Grab gelegt.“

Denn den Juden ist die Totenruhe heilig. Die Gräber werden auch nicht nach einigen Jahren aufgelöst: Wer hier liegt, ruht wirklich in Frieden. Doch mit den verblassenden Inschriften geht auch viel Wissen über die Vergangenheit verloren. Dem will man nun entgegentreten: Im Rahmen des 2021 ausgerufenen Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ starten das Bayerische Landesamt für Denkmalschutz und die sieben bayerischen Bezirke ein Projekt, das die bestehenden Friedhöfe dokumentieren soll. „Gerade in Zeiten zunehmenden Antisemitismus ist es wichtig, dass das Wissen über jüdische Geschichte nicht verloren geht“, begründet Bezirkstagspräsident Franz Löffler, warum sich die öffentliche Hand hier engagiert.

Die Ausgaben sind bisher überschaubar: Eine auf drei Jahre befristete Stelle wurde eingerichtet – was vermutlich gerade mal für erste logistische Vorarbeiten reicht, nicht aber für die Mammutaufgabe, 124 jüdische Friedhöfe mit über 80 000 Grabsteinen in Bayern zu kartographieren. In Sulzbürg setzt man deshalb auf Selbsthilfe: Heide Inhetveen hat zusammen mit dem Fotografen Edgar Pielmeier einen Bildband „Hier ist verborgen“ über den Ort der ewigen Ruhe herausgebracht. Zudem setzt sie sich auch weiterhin für Erhalt und Entzifferung der Inschriften ein.

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