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Montag, 8 August 2022
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Ein roter Traktor statt “Nordstream 2”?

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Engelsberg hat weniger Fragen zur Zukunft der Energieversorgung als der Rest des Landes

Die Frage, ob der Durchschnittdeutsche im kommenden Winter in der eigenen Wohnung frösteln muss oder Produktionsstätten wegen mangelnder Energie stillstehen werden, geistert aktuell in verschiedensten Formen durch die Medien – und durch die Köpfe der Politik. Zumindest in Engelsberg sieht man den etwaigen Auswirkungen des Ukraine-Krieges etwas gelassener entgegen als in anderen Teilen Deutschlands.

Das zum Markt Lauterhofen gehörende 30-Häuser-Dorf gilt als energieautark – und zugleich als Beweis, dass an Stammtischen diskutierte Ideen durchaus mit positiven Auswirkungen in die Realität umgesetzt werden können. Denn bereits vor über zwei Jahrzehnten manifestierte sich bei diversen Bewohnern des Ortes die Idee, zentrale Heizungen für mehrere Anwesen zu bauen. Nicht nur bei Wirtshausbesuchen wurden diese Pläne diskutiert – aus zunächst individuellen Vorhaben entstand schließlich der Gedanke, eine große Anlage für das gesamte Dorf zu bauen. Umgesetzt wurde er ab 2002 im Rahmen einer geförderten Dorferneuerungmaßnahme. “Ansonsten hätten wir nun vielleicht einen Dorfbrunnen oder einen neuen Platz, so haben wir jetzt eben eine Heizung”, erzählt Willi Locker schmunzelnd, welcher die Anlage in einem scheunenartigen Gebäude betreut. Zwei Kraftwerke, welche insgesamt rund 600.000 Euro kosteten, arbeiten hier mit einem natürlichen Brennstoff, welcher ein paar hundert Meter weiter entsteht – in den Wäldern rund um Engelsberg. Während man in anderen Teilen des Landes von langen Fernleitungen à la “Nordstream 2” abhängig ist, setzt man in dem oberpfälzischen Dorf auf einen Traktor, der die geschnitzelten und getrockneten Holzstücke über die kürzestmöglichen Wege in den Vorratsspeicher schaufelt. Und hier sitzt auch kein Präsident mit “Stimmungsschwankungspotential” am Hebel, sondern eine Dorfgemeinschaft, welche sich gemeinschaftlich engagiert, um auch noch morgen Energie zu haben.

Die zwei Kraftwerke mit 100 bzw. 320 KW Nennleistung erzeugen Wärme und Strom – letzterer wird auch mit in das öffentliche Netz eingespeist und bringt Einnahmen. “Mit der Anlage könnten letztendlich zwei  bis drei Dörfer unserer Größe mit Strom versorgt werden”, erklärt Locker. Bilanziell äußert sich das in rund 80.000 Heizöl pro Jahr, welche die Engelsberger nicht von externen Quellen beziehen müssen. “Seit etwa 15 Jahren haben wir im Ort Energiekosten, die ungefähr bei der Hälfte der jeweils aktuellen Gas- bzw. Ölpreise liegen”, erzählt Anwohner Michael Gottschalk. Das Projekt “Energieautarkes Dorf” sorgte auch für internationales Aufsehen und ließ teilweise Interessierte aus Japan in die Marktgemeinde Lauterhofen reisen.

Willi Locker vor dem „Brennstoff“ für Engelsberg

Auch wenn die Engelsberger für einen Großteil ihres Energiebedarfs eine gute Lösung gefunden haben, komplett “energieautark” sind sie streng genommen nicht – solange im Dorf z.B. noch Fahrzeuge genutzt werden, die hin und wieder klassische Tankstellen aufsuchen müssen. Als positiver Schritt Richtung “Unabhängigkeit von den Unberechenbarkeiten der Weltpolitik” ist das Projekt jedoch auf jeden Fall einzuordnen. Bei allen Überlegungen zu mehr “dezentraler” Energieversorgung in Deutschland darf jedoch eines nicht ganz außer Acht gelassen werden: Alternative Brennstoffe wie Holz sind zwar regenerativ, das zu einem Zeitpunkt verfügbare Gesamtvolumen ist jedoch auch irgendwo immer begrenzt. Die Engelsberger verheizen bzw. “verstromen” zum Beispiel im Grunde ein Material, welches in den vergangenen zwei Jahren zum Teil auf Baustellen händeringend gesucht wurde. Der Vorteil zur Energieerzeugung z.B. durch Wind oder Photovoltaik liegt jedoch auch auf der Hand – bei den beiden erstgenannten ist man im Grunde wetterabhängig, da die Speichertechniken für derart erzeugte Energien noch nicht so fortgeschritten sind wie nötig. Holz als “Energielieferant” liegt geduldig in der Scheune und ist dann einsetzbar, wenn Bedarf besteht.

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